Struwwelpeter Museum
Das Struwwelpeter Museum ist ein Ort der Kinderliteratur – aber auch ein Museum mit sehr vielen Berührungspunkten zur Psychiatriegeschichte und zur modernen Sozialpsychiatrie. Dr. Heinrich Hoffmann (1809–1894), der Verfasser des ersten erzählenden Bilderbuchs, war hauptberuflich Arzt.
Kinderliteratur und Psychiatrie
Seit 2019 befindet sich das 1977 im Frankfurter Westend gegründete Museum mit seiner interaktiven Ausstellung für jedes Alter in zwei rekonstruierten Fachwerkhäusern in Frankfurts Neuer Altstadt. Nicht weit von hier verfasste Heinrich Hoffmann zu Weihnachten 1844 den Struwwelpeter für den dreijährigen Sohn Carl.
Die Dauerausstellung porträtiert Hoffmann als Autor und Illustrator, Arzt und Psychiater, politisch interessierten Bürger und liebevollen Familienvater. Ein Abschnitt der Dauerausstellung ist der Psychiatriegeschichte Frankfurts im 19. Jahrhundert gewidmet. Seltene Struwwelpeter-Ausgaben, Übersetzungen in fast 50 Sprachen und 100 deutsche Dialekte, politische Parodien, Filme, Musik, Kitsch und Kunst erzählen vom internationalen Erfolg des Klassikers der Kinderliteratur und seiner Vermarktung. Kinder können auf dem Spiele-Pfad und den Geschichten-Inseln mit digitalen und Hands-on-Spielen in die Geschichten eintauchen, sich als Struwwelpeter-Figuren verkleiden oder an Aktionstischen selbst kreativ werden.
Ein Arzt als Autor und Illustrator
Heinrich Hoffmann war er ein vielseitig begabter Mann, der sein Lebenswerk eher in der Medizin sah als in der Schriftstellerei. Den Struwwelpeter hatte er als Weihnachtsgeschenk für seinen dreijährigen Sohn Carl gezeichnet und gedichtet, weil er kein altersgerechtes Bilderbuch hatte finden können. Mit spannenden Geschichten wollte der Arzt den Kindern auf übertrieben komische Weise vor Augen führen, was durch falsches Verhalten passieren kann – wenn man wie der Suppen-Kaspar nichts isst oder wie Hans Guck-in-die-Luft nicht Acht gibt. Hinter der Moral lockt in seinen Bildgeschichten auch immer der Reiz des Verbotenen. Auch heute sind sie für Kinder noch immer aktuell und faszinierend. So ist der Struwwelpeter das überzeitlich wirkende Buch eines Arztes, der Erkrankungen und Unfälle verhindern will. Auch sein Interesse für Kinder, die anders sind, zeigt sich in den Figuren. Ob ADHS, Anorexia Nervosa oder Störungen des Sozialverhaltens – die Diagnosen der modernen Kinderpsychiatrie lassen sich auf die kindlichen Anti-Helden anwenden.
Dr. med. Heinrich Hoffmann, Psychiatriereformer
Dr. Hoffmanns Wirken hat Spuren im Gesundheitswesen Frankfurts hinterlassen. Ab 1851 leitete er die „Anstalt für Irre und Epileptische“ in Frankfurt. Seine mangelnde Erfahrung auf psychiatrischem Gebiet kompensierte er durch intensives Studium der Fachliteratur und Reisen zu psychiatrischen Anstalten im In- und Ausland. Die individuelle Zuwendung für seine Patienten prägte sein Wirken als Nervenarzt. Als „Therapie der Liebe und Freundlichkeit“ beschrieb er selbst diesen patientenzentrierten Zugang. Gegen viele Widerstände realisierte er in nur sechs Jahren den großzügigen Neubau der Anstalt vor den Toren Frankfurts, den er zu einer Modellklinik für psychisch kranke Menschen machte. Hoffmann entwickelte Ansätze einer Gesprächstherapie und bot den Patienten sinnvolle Beschäftigung. Im Wissen um den Zusammenhang zwischen seelischer Gesundheit und Kultur setzte er auf Musik, Spiel, Kunst und Literaturerlebnisse in der Klinik. Im Juli 1888 übernahm Dr. Emil Sioli (1852-1922) die Klinikleitung von Hoffmann. Er richtete im Park der Anstalt die erste Station für psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche ein. In die Medizingeschichte ging das Krankenhaus durch Dr. Alois Alzheimer (1864-1915) ein. Hier machte der Arzt 1901 seine bahnbrechenden Beobachtungen zur „Alzheimer Krankheit“.
Museum und Inklusionsbetrieb
Das Museum bewahrt und präsentiert nicht nur Hoffmanns materiellen Nachlass. Auch das geistige Erbe des Psychiatriereformers findet hier seine moderne Fortsetzung. Das Struwwelpeter Museum ist ein Inklusionsbetrieb, in dem Menschen mit und ohne Beeinträchtigungen arbeiten. So sensibilisiert das Museum ganz nebenbei die Besucher*innen zum Thema Inklusion und fördert die Akzeptanz psychisch beeinträchtigter Menschen. Mutterverein des Museums ist die frankfurter werkgemeinschaft, die psychisch erkrankten Menschen breitgefächerte Teilhabeleistungen anbietet.
Audioguide
Ein Audioguide zum Download von der Museumshomepage führt auf Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Chinesisch, Japanisch und Koreanisch durch die Ausstellung. Für Kinder gibt es den Audioguide „Mit der Maus durchs Haus“.
Führungen
Gruppen können Führungen mit Schwerpunkt Psychiatriegeschichte und anderen Themen buchen. Informationen siehe https://www.struwwelpeter-museum.de/erwachsene/
Eintritt
Erwachsene € 8,00
Ermäßigt € 4,00
Kinder bis einschließlich 5 Jahre: frei
Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag 11:00 bis 18:00 Uhr
Kontakt
Tel.: (0 69) 94 94 767-400
Anfahrt
U-Bahnen U4, U5 Dom/Römer
Straßenbahnen 11,12 Römer/Paulskirche
S-Bahnen 1,2,3,4,5,6,8,9 bis Frankfurt-Hauptwache, ca. 10 Minuten Fußweg in Richtung Römer
Parkhaus Dom Römer, Domstr.
Fotos
Uwe Dettmar

Link zum Museum
Anschrift
Struwwelpeter Museum
Hinter dem Lämmchen 2–4
60311 Frankfurt am Main
https://fwg-net.de/